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Montag, 07 März 2016

Antibiotikaresistenz: „Reserveantibiotikum“ Colistin betroffen!

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Antibiotikaresistenz: „Reserveantibiotikum“ Colistin betroffen!
© Stefan Schwarz / pixelio.de

Colistin gilt als Reserveantibiotikum für die Behandlung von Infektionen mit multiresistenten Bakterien wie beispielsweise Acinetobacter baumanii, ein Keim, der in Krankenhäusern zu erheblichen Problemen führen kann. Das Auftreten und die Verbreitung dieses Erregers am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH) in Kiel und die damit verbundenen Probleme im Januar/Februar 2015 haben zu einer erheblichen Aufmerksamkeit in den Medien geführt. Vor diesem Hintergrund haben jüngste Erkenntnisse über die sich offenbar weltweit immer mehr verbreitende Resistenz gegen das Antibiotikum Colistin besondere Aufmerksamkeit gefunden. Sie werden als „Alarmsignal“ interpretiert, auch mit Medikamenten für Masttiere besonders sorgfältig umzugehen. Denn die Antibiotikaanwendung bei Nutztieren kann erhebliche Auswirkungen auf die Humanmedizin haben, weil auch hier die Ursache zum Auftreten von immer mehr multiresistenten Keimen beim Menschen gesehen wird. Das Thema „Antibiotikaresistenzen“ hat mittlerweile eine weltweite Dimension erreicht. Auch der Gipfel der G20, d. h., der Gruppe der 20 wichtigsten Industrie- und Schwellenländer, wird in 2017 unter deutscher Präsidentschaft das Thema auf die Tagesordnung setzen.

Erste Untersuchungsergebnisse aus dem Resistenzmonitoring am Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) haben nunmehr gezeigt, dass das erstmalig in China nachgewiesene übertragbare Gen (mrc-1), das eine Resistenz gegenüber dem Antibiotikum Colistin verursacht, auch in Darmbakterien von Nutztieren in Deutschland weit verbreitet ist. Am häufigsten wird diese Colistin-Resistenz bei Escherichia coli von Mastgeflügel nachgewiesen. Resistenzgene können von harmlosen Darmbakterien auf Krankheitserreger übergehen. Bisher wurde davon ausgegangen, dass eine Resistenz gegenüber Colistin nicht zwischen Bakterien übertragen werden kann. Inwieweit die nun nachgewiesene und seit Jahren bereits vorhandene übertragbare Antibiotikaresistenz bei der Behandlung von Infektionskrankheiten des Menschen eine Rolle spielt, muss dringend weiter erforscht werden. In China wurde beschrieben, dass Bakterien mit diesem Gen sowohl bei Menschen als auch bei Tieren und Lebensmitteln gefunden wurden. Auch dänische Behörden hatten Anfang Dezember 2015 über den Nachweis des Gens in Proben von Geflügelfleisch aus Deutschland berichtet. Gleiches gilt für Untersuchungen in England und den Niederlanden. Damit wird deutlich, dass das in China beschriebene Resistenzgen auch in Europa zumindest seit einigen Jahren verbreitet ist.

Die nun bekannt gewordenen Ergebnisse bestätigen erneut, dass die Strategie eines verantwortlichen Einsatzes von Antibiotika weiterhin konsequent verfolgt werden muss. Diese sollte nach Meinung von Prof. Dr. Dr. Andreas Hensel (BfR-Präsident) im Sinne eines One-Health-Ansatzes alle Wirkstoffgruppen in der Tier- und Humanmedizin einbeziehen. Das BfR führt weitere molekularbiologische Untersuchungen zum genetischen Hintergrund und Übertragungspotenzial durch, um die Verbraucherrisiken abschätzen zu können (in Deutschland wird das Polypeptid-Antibiotikum Colistin vor allem in der Nutztierhaltung zur Behandlung von Darmerkrankungen eingesetzt).

Bundesweit sind nach den vorliegenden Daten in 2014 etwa 25 % weniger Antibiotika an Tierarztpraxen abgegeben worden als in 2011. Von aktuell rund 1.200 Tonnen in Deutschland gingen ungefähr 726 Tonnen nach Niedersachsen, d. h., mehr als 60 %. Der niedersächsische Landwirtschaftsminister Christian Meyer stellte jüngst anlässlich eines Diskussionsabends zur Antibiotikaresistenz fest, dass „Niedersachsen bei Puten und Mastschweinen noch deutlich über dem Bundesdurchschnitt liegt. Wir haben noch harte Arbeit vor uns“.
 
Quellen:
► Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR): www.bfr.bund.de/de/presseinformation/2016/01/uebertragbare_colistin_resistenz_in_keimen_von_nutztieren_in_deutschland-196144.html
► Niedersächsisches Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz: www.ml.niedersachsen.de/portal/live.php?navigation_id=1810&article_id=140010&_psmand=7
► The Lancet Infectious Diseases (DOI: http://dx.doi.org/10.1016/S1473-3099(15)00424-7)

Bild: www.pixelio.de

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