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Montag, 21 September 2015

Allergische und nicht-allergische Überempfindlichkeiten

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Allergische und nicht-allergische Überempfindlichkeiten
© Tim Reckmann / pixelio.de

Es mehren sich die Informationen über eine Zunahme von Überempfindlichkeitsreaktionen(Hypersensitivität), die lebensmittelbedingt sind bzw. sein sollen. Bis zu 17 % der Deutschen sind betroffen.
Grundsätzlich handelt es sich dabei um Überempfindlichkeitsreaktionen gegenüber einem Stimulus, der von Gesunden toleriert wird. Die allergische Überempfindlichkeit ist mit immunologischen Reaktionsmechanismen gekoppelt, die Antikörper- oder Zell-vermittelt sind. Allergien können zu schweren, sogar lebensbedrohlichen Überempfindlichkeitsreaktionen führen (Anaphylaxie). Unter diesen leiden Schätzungen zufolge ca. 3 bis 4 % in der Bundesrepublik der Bevölkerung an tatsächlichen Allergien. Sie treten bei Kindern häufiger als bei Erwachsenen auf. Kuhmilch (6 %) steht im Vordergrund, gefolgt von Weizen (3,6 %), Eiern (2,5 %), Fisch (2,2 %) sowie Nüssen und Meeresfrüchten (jeweils 1,3 %). Die Daten, die vonder Techniker Krankenkasse (2013) für Deutschland mitgeteilt wurden, betragen 5 % für Nüsse, 5 % für Früchte, 4 % für Laktose, 2 % für Fruktose, 2 % für Milcheiweiß sowie 1 % für Gluten.
Die Inzidenz lebensmittelbedingter anaphylaktischer Reaktionen liegt Schätzungen zu Folge in der EU bei ca. acht bis 11/100.000 Einwohner/Jahr. Bei nicht-allergischen Überempfindlichkeiten sind immunologische Mechanismen ausgeschlossen (z. B. bei biogenen Amine wie Histamin; bei Glutamaten, bei Sulfiten). Grundsätzlich muss also zwischen Lebensmittelunverträglichkeiten und tatsächlichen Allergien unterschieden werden.
Bei der Zöliakie handelt es sich um eine sehr ernst zu nehmende Stoffwechselstörung, die – unerkannt bzw. unbehandelt – zu erheblichen gesundheitlichen Beeinträchtigungen führen kann. Die Dünndarmschleimhaut reagiert empfindlich auf das „Kleberprotein Gluten“; dadurch wird die Nährstoffaufnahme behindert. Es kommt zu einer Zottenatrophie, die mit einer Verminderung der Resorptionsfläche einhergeht, bei gleichzeitiger Verminderung der Mikronährstoffresorption (z. B. Vitamine, Spurenelemente). In späteren Stadien treten Resorptionsstörungen für nahezu alle Nährstoffe auf. Eine vollständige Vermeidung der Glutenzufuhr führt zu einer völligen Beschwerdefreiheit; dieses allerdings nur, wenn die Zöliakie bereits im Anfangsstadium erkannt wird. Bei der Zöliakie handelt es sich um eine Allergie.

In der Bundesrepublik Deutschland sind ca. 0,5 % bis 1 % der Bevölkerung betroffen (40.000 bis 80.000 Menschen). Die Betroffenen müssen sich ihr Leben lang glutenfrei ernähren. Die Zahl der  Neuerkrankungen (Inzidenz) ist ansteigend, was möglicher Weise auf die Züchtung von Weizensorten mit hohem Glutengehalt und/oder auf die Technologie der Brotherstellung mit kürzeren Fermentierungszeiten und Verwendung von Hefe anstatt Sauerteig zurückzuführen sein könnte.
Es existiert aber auch eine Gruppe von Menschen, die empfindlich auf Gluten oder auch andere Weizenbestandteile reagieren, ohne dass eine Zöliakie vorliegt. Dieses mit Bauchschmerzen, Blähungen, Durchfall, Müdigkeit, Kopf- und Gelenkschmerzen einhergehende Beschwerdebild wurde daher als „non-celiac-gluten-sensitivity“ („NCGS“) charakterisiert. Laut VO (EG) Nr. 41/2009 dürfen Lebensmittel als „glutenfrei“ deklariert werden, wenn der Glutengehalt höchstens 20 mg/kg beträgt. Diese Verordnung wird mit Wirkung ab 28.07.2015 durch die VO (EU) Nr. 609/2013 aufgehoben. Weitere Vorgaben finden sich in der Durchführungs-VO (EU) Nr. 828/2014 über die Anforderungen und die Bereitstellung von Informationen für Verbraucher über das  Nichtvorhandensein“ oder das „reduzierte Vorhandensein“ von Gluten in Lebensmitteln. Hier gelten weiterhin die Grenzwerte von 20 mg/kg für die Deklaration als „glutenfrei“ sowie 100 mg/kg für die Kennzeichnung als „reduziertes Vorhandensein“.
Eine typische Unverträglichkeitsreaktion ist die Laktoseintoleranz, die durch das Fehlen des Enzyms Laktase charakterisiert ist. Ca. 15 bis 20 % der Deutschen haben eine Laktoseintoleranz. Sehr selten ist diese angeboren. Am häufigsten kommt die primäre Laktoseintoleranz vor, d. h. die Laktoseaktivität nimmt, genetisch bedingt, ab dem Ende des ersten Lebensjahres ab. Die Laktaseaktivität kann auch durch eine Darminfektion oder auch bei Zölliakie als sekundäre Laktoseinteroleranz auftreten.
Ca. 30 % unserer Bevölkerung haben eine Fruktoseintoleranz, wobei die Fruktoseunverträglichkeit mindividuell sehr unterschiedlich ausgeprägt sein kann. Sie geht einher mit Bauchschmerzen und Durchfall, also relativ unspezifischen Symptomen. Fruktose ist natürlicher Weise in Obst sowie daraus hergestellten Erzeugnissen enthalten. Sorbit-haltige Lebensmittel verschlechtern die Resorption von Fruktose. Eine Symptomfreiheit kann durch Vermeiden von Fruktose, Saccharose sowie Sorbitol erzielt werden. Neben einem – seltener – autosomal-rezessiv vererbten Defekt (Fruktose-1-Phosphat- Aldolase; in Leber und Darmschleimhaut) gibt es – allerdings seltener – einen ebenfalls autosomal- rezessiv vererbten Defekt des Enzyms Fruktose-1, -Biphosphatase. Dabei kommt es zu Störungen der Glukoneogenese. Bei Einschränkung der Aufnahme von Fruktose, Saccharose und Sorbitol ist die Prognose gut. Seit einiger Zeit werden IgG4-Tests zum Nachweis von Lebensmittelallergien angeboten. Dieses hat zu einem stark erhöhten Beratungsbedarf bei Ärzten und Ernährungsberatern geführt. Die Wissenschaftlichkeit dieser Tests muss allerdings angezweifelt werden und wird beispielsweise von den Allergologen abgelehnt (AMWF, 2009). Der Nachweis von IgG4-Antikörpern belegt lediglich den wiederholten Kontakt mit Nahrungsmittelbestandteilen als physiologische Reaktion des Immunsystems.
Nach der Lebensmittelinformationsverordnung (LMIV) sind ab dem 13. Dezember 2014 insgesamt 14 Allergene zu kennzeichnen und in der Zutatenliste aufzuführen. Dieses gilt auch für lose Ware. Diese Kennzeichnungspflicht ergibt sich aus Anhang II der LMIV und gilt uneingeschränkt auch für den Bereich der Gemeinschaftsverpflegung. Entsprechende Datenanalysen haben ergeben, dass diese 14 Allergene für ca. 90 % aller Lebensmittelallergien bzw. -unverträglichkeiten in der EU verantwortlich sind. Unter den Lebensmitteln pflanzlichen Ursprungs sind diese:

  • glutenhaltiges Getreide wie Weizen, d. h. alle Triticum-Arten (Hartweizen, Dinkel und Khorasan- Weizen), Roggen, Gerste, Kamut, Emmer, Einkorn, Grünkern und kontaminierter Hafer (durch Erntebeförderung, Lagerung und Verarbeitung eventuell kontaminiert),
  • Erdnüsse und daraus gewonnene Erzeugnisse,
  • Sojabohnen und daraus gewonnene Erzeugnisse,
  • Schalenfrüchte (Mandel, Haselnuss, Walnuss, Cashewnuss, Paranuss, Pekannuss, Pistazien, Macadamia),
  • Sellerie und daraus gewonnene Erzeugnisse,
  • Senf und daraus gewonnene Erzeugnisse,
  • Sesamsamen und daraus gewonnene Erzeugnisse,
  • Lupinen und daraus gewonnene Erzeugnisse.


►  aus Essen ohne Risiko  - Pflanzliche Lebensmittel, B. Behr‘s Verlag 

Bild: www.pixelio.de 

Weitere Informationen finden Sie in den folgenden Werken:

Allergene in Lebensmitteln

Allergiefächer/Foodfan

Behr's Verlag