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Montag, 04 Dezember 2017

Naphthalin – Gefährdungspotenzial über Verbraucherprodukte?

QM & QS

Naphthalin – Gefährdungspotenzial über Verbraucherprodukte?

Naphthalin gehört zu den polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffen (PAK) und ist als bizyklischer aromatischer Kohlenwasserstoff der „kleinste PAK“. Der Einsatz von Naphthalin erfolgte früher in Mottenkugel. Aufgrund des Geruchs und der geringen insektiziden Wirksamkeit ist die Verwendung in diesen Bereichen heute sehr begrenzt. Derzeit wird Naphthalin zur Synthese von Phthalsäureanhydrid verwendet, das zu Lösungsmitteln, Kunststoffen und Kraftstoffen weiterverarbeitet wird. Der Einsatz erfolgt auch zur Herstellung von Azofarbstoffen, zur Synthese von Holzschutzmitteln, Insektiziden (Carbamaten) sowie von PVC-Weichmacher-Zwischenprodukten. Da Naphthalin als Verbrennungsprodukt organischer Materialien in geringen Konzentrationen nahezu überall in der Umwelt vorkommt und im Bereich der Lebensmittelkontaktmaterialien weit verbreitet ist, hat das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) zur gesundheitlichen Bewertung Stellung genommen.

Grundlagen der Beurteilung

Naphthalin kann auf verschiedenen Wegen aufgenommen werden – über die Atemluft, die Haut und oral. Nach Inhalation von Naphthalin-Dämpfen wurde über hämolytische Anämien berichtet und nach Hautkontakt kann es zu unerwünschten Reaktionen kommen. Bei beruflicher Exposition wurden bei den Betroffenen Linsentrübungen und Hornhautgeschwüream Auge beschrieben, allerdings nach recht hohen Naphthalin Belastungen, wie sie über Verbraucherprodukte kaum erwartet werden können. In Tierversuchen hat die Inhalation von Naphthalin bereits bei vergleichsweise niedrigen Konzentrationen zu lokalen Entzündungen und Schädigungen der oberen Atemwege einschließlich der Nase geführt. Als Folge chronisch-entzündlicher Veränderungen kam es zur Entstehung von Tumoren, wobei sich hieraus keine wissenschaftlich belastbaren Hinweise für eine mögliche krebserregende Wirkung von Naphthalin bei Menschen ableiten lassen. Auch ist die krebserzeugende Potenz im Vergleich zu an deren PAK deutlich geringer. Aufgrund der in den oberen Atemwegen auftretenden Veränderungen bei Versuchstieren wurde von der Kommission „Innenraumlufthygiene“ des Umweltbundesamtes (UBA) ein vorläufiger Innenraum-Richtwert für Naphthalin mit 0,01 mg/m³ Luft als Richtwert I und 0,03 mg/m³ als Richtwert II festgelegt. In Abhängigkeit von den erreichten Konzentrationen sind keine gesundheitlichen Beeinträchtigungen zu erwarten (Richtwert I) bzw. unverzüglich Handlungsbedarf umzusetzen (Richtwert II).

Nach der europäischen Verordnung (EG) Nr. 1272/2008 zur Einstufung, Kennzeichnung und Verpackung von Stoffen und Gemischen („ClP-Verordnung“) ist Naphthalin als krebserregender Stoff („Kanzerogen“) der Kategorie 2 („kann vermutlich Krebs erzeugen“) eingestuft. Bei der Klassifizierung von akut toxischen Stoffen (Kategorien 1 bis 4) ist Naphthalin in die Kategorie 4 mit schwächerer Giftwirkung („gesundheitsschädlich beim Verschlucken“) aufgenommen. Kosmetische Mittel dürfen kein Naphthalin enthalten (Listung in Anhang II der Kosmetikverordnung (EG) Nr. 1223/2009). Technisch unvermeidbare Spuren, die auch bei guter Herstellungspraxis nicht zu vermeiden sind, müssen jedoch für die menschliche Gesundheit „sicher“ sein. Dieses hat der Hersteller durch eine Sicherheitsbewertung zu belegen.

Hinweise für die Praxis

Ein direkter und gezielter Zusatz von Naphthalin in Verbraucherprodukten erfolgt nicht bzw. ist nicht bekannt. Es kann jedoch zu einer Kontamination von Verbraucherprodukten kommen. Zu nennen ist die Verwendung von Rußen zum Schwarz-Färben oder der Einsatz von Mineralölen in Kunststoffen als Weichmacher. Nach den rechtlichen Vorgaben ist es verboten, Bedarfsgegenstände derart herzustellen oder zu behandeln, dass sie bei bestimmungsgemäßem oder vorhersehbarem Gebrauch geeignet sind, die Gesundheit durch ihre stoffliche Zusammensetzung, insbesondere durch toxikologisch wirksame Stoffe oder durch Verunreinigungen, zu schädigen (§ 30 LFGB). Derartige Produkte dürfen nicht als Bedarfsgegenstände in den Verkehr gebracht werden. Das GS-Zeichen („geprüfte Sicherheit“) und die hier festgelegten Maximalwerte für Naphthalin wurden nicht gesundheitlich abgeleitet. Die Werte orientieren sich an einer Guten Herstellungspraxis im Sinne des technologisch Erreichbaren und Einhaltbaren, wie es sich aus dem Minimierungskonzept ergibt. Überschreitungen sind ein Hinweis darauf, dass die Gute Herstellungspraxis nicht eingehalten wurde.

QUELLEN:
►  BfR: FAQ vom 03. November 2016 zu Naphthalin in Verbraucherprodukten
►  Bundesgesundheitsblatt ‒ Gesundheitsforschung ‒ Gesundheitsschutz von Oktober 2013 (Volume 56, Issue 10, pp 1448-1459)

Prof. Dr. Walther Heeschen, Jan Peter Heeschen

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